Über das natürliche Licht und seine Farben

Worum es geht

Das natürliche Licht in seinen verschiedenen Formen – direkte Sonne, Schatten, bedeckter Himmel, Dämmerung – sieht für Digitalkameras unterschiedlich aus und beeinflusst die Farbwiedergabe auf Ihren Fotos. Die Unterschiede werden von einer Kamera anders wahrgenommen als vom menschlichen Auge, daher ist es hilfreich, zu verstehen, wie sich diese Arten von Licht unterscheiden.

Zusammen mit der zugehörigen Kamera-Einstellung, die die Farbwiedergabe entsprechend korrigieren kann – dem Weißabgleich bekommen Sie das nötige Hintergrundwissen, um Ihren Fotos bewusst zu attraktiveren Farben zu verhelfen.

Das direkte Sonnenlicht

Farbspektrum des SonnenlichtesLicht lässt sich in der Physik durch elektromagnetische Wellen beschreiben; die verschiedenen Farben unterscheiden sich durch ihre Wellenlänge. Der Bereich an Wellenlängen, den das menschliche Auge wahrnimmt, ist das vom Regenbogen bekannte Farbspektrum. Es geht zur einen Richtung in das ultraviolette Licht über und zur anderen in den infraroten Bereich.
Die nebenstehende Grafik veranschaulicht die Farben dieses Spektrums – aber nur grob, es ist keine exakte Wiedergabe des Farbspektrums.

Das direkte Sonnenlicht enthält alle Wellenlängen, die das menschliche Auge wahrnehmen kann und ist naheliegenderweise ein Standard für „weißes“ Licht, an dem sich Digitalkameras ebenso wie analoge Filme („Tageslichtfilme“) orientieren.

Das Licht im Schatten

Dort, wo kein direktes Sonnenlicht hinfällt, kommt nur Licht an, das von woanders reflektiert wird und eine andere Farbe haben kann als das direkte Sonnenlicht.
Sofern nicht besonders helle Gegenstände (oder z.B. ein von einem Fotografen bewusst platzierter Reflektor) besonders viel Licht abgeben, dominiert das vom Himmel kommende Licht das aus der Umgebung reflektierte.

Das führt uns zu einem kleinen notwendigen Exkurs:

Warum ist der Himmel blau?

Die Atmosphäre der Erde lenkt einen Teil des Sonnenlichtes ab und streut ihn in alle Richtungen – und zwar den blauen Teil des Lichtes wesentlich stärker als die anderen Farben. Wer sich genauer schlaulesen möchte, kann nach dem Begriff der Rayleigh-Streuung bei Google oder Wikipedia suchen.

Der Himmel erscheint blau, weil von allen Stellen des Himmels, an denen die Sonne gerade nicht sein kann, vor allem das blaue Licht in alle Richtungen gestreut wird und davon immer ein kleiner Teil dorthin fällt, wo wir zum Himmel blickenden Menschen gerade stehen. Deshalb ist der Himmel viel dunkler als die Sonne und halt blau. Wenn das Sonnenlicht nicht von der Atmosphäre gestreut würde, wäre der Himmel auch tagsüber so schwarz wie in der Nacht.

Was bedeutet das für Fotos im Schatten?

natürliches Licht im SchattenIm Schatten ist das Licht „kühler“ (=bläulicher) als im direkten Sonnenlicht. Eine Kamera, die das Licht wie ein stets gleich arbeitendes Messgerät auffangen würde, würde Bilder mit entsprechend blaustichigen Farben produzieren.
Jede Digitalkamera kann aber die Farbwiedergabe manipulieren und diesen Blaustich über den Weißabgleich herausrechnen.

Natürliche Farben werden auf Ihren im Schatten aufgenommenen Fotos nur dann erscheinen, wenn diese Farbkorrektur derjenigen möglichst nahe kommt, die das menschliche Gehirn vornimmt – denn das gleicht solche Farbstiche auch automatisch aus, weshalb uns Menschen dieser bläuliche Farbstich nicht so stark auffällt. Insbesondere für Hauttöne gilt, dass diese auf Fotos im Schatten gerne zu blass ausfallen.

Das Licht bei Sonnenauf- und -untergang

Der tiefe Sonnenstand knapp über dem Horizont bringt einen wichtigen Unterschied zum Licht tagsüber mit sich: Der Weg, den das Licht durch die Atmosphäre der Erde zurücklegt, ist länger.

natürliches Licht bei Sonnenauf- und -untergangUnd da die Atmosphäre den blauen Anteil am Sonnenlicht ja stärker streut, wird also mehr blaues Licht abgelenkt und das übrigbleibende Licht erscheint uns rötlicher („wärmer“) als tagsüber.

Die besonders warmen Farben eines Sonnenunterganges sind allgemein bekannt, für die Fotografie ist darüberhinaus wichtig zu wissen, dass das menschliche Gehirn auch hier die Farbwahrnehmung manipuliert, also diese wärmeren Farben ausgleicht und damit diesen Effekt abschwächt.

Entsprechend können am späten Nachmittag gemachte Fotos bereits deutlich wärmere Farben haben, die unserem Auge noch nicht so stark auffallen und ein Sonnenuntergang kann auf Fotos leicht bilderbuchartig schön bis kitschig übertrieben aussehen – wenn die Digitalkamera mit ihrem Weißabgleich den Rotstich nicht korrigiert.
Meine Erfahrung ist aber, dass ein automatischer Weißabgleich ohne manuellen Eingriff eher zu wenig korrigiert, also im Schatten zu kühle und bei Sonnenuntergang zu warme Farben liefert, als sie das menschliche Auge wahrnimmt (was je nach Motiv durchaus erwünscht sein kann!).

Das Licht in der Dämmerung („blaue Stunde“)

Mit Dämmerung meine ich die Zeit, kurz bevor die Sonne über dem Horizont erscheint bzw. kurz nachdem sie vollständig unter dem Horizont verschwunden ist. Das besondere an dieser Zeit ist, dass kein direktes Sonnenlicht mehr auf die Umgebung fällt, aber noch viel mehr vom Himmel reflektiertes blaues Licht ankommt als in der Nacht, da der Himmel noch nicht im Schatten der Erde liegt.
Das gilt selbstverständlich nur bei klarem Himmel; andernfalls ist das Licht zum Fotografieren zu dieser Zeit unbrauchbar.

natürliches Licht zur 'blauen Stunde'In der Fotografie ist diese Zeitspanne wegen der entstehenden intensiv blauen Farben auch als „blaue Stunde“ bekannt. Besonders auffällig ist das kräftige, tiefe Blau des Himmels.
Die Bezeichnung “blaue Stunde” ist in Bezug auf die intensiv blauen Farben richtig, aber insofern falsch, als dieses Licht nur viel kürzer als eine Stunde andauert. Für die Fotografie ist wichtig, dass ein Motiv am Boden noch genug Licht vom Himmel bekommt, um ähnlich hell wie der Himmel zu erscheinen. Diese richtige Balance dauert nur wenige Minuten. Nach meiner Erfahrung gibt es das beste Licht ca. 20-30 min. vor Sonnenauf- bzw. nach Sonnenuntergang. Damit ein eventuelles frühes Aufstehen nicht ganz vergeblich ist, würde ich aber empfehlen, immer etwas früher bereits an Ort und Stelle sein!

Ähnliches gilt, wenn Sie in Städten fotografieren, wo in der Dämmerung künstliches Licht Gebäude anstrahlt. Dann gibt es auch nur eine relativ kurze Zeitspanne, in der die Helligkeit des Himmels genau mit der Helligkeit des Vordergrundes zusammenpasst. Wann genau diese auftritt, ist aber von der Beleuchtung Ihres Motivs abhängig und schlecht vorherzusagen.

Das Licht bei bewölktem Himmel

Das Licht bei bewölktem Himmel ist nach all den bisherigen Erklärungen schnell ergänzt: Die Farbwiedergabe liegt zwischen der von direktem Sonnenlicht und Schatten, da die Wolken das direkte Sonnenlicht streuen (weshalb ein durchgehend dick bewölkter Himmel uns gleichmäßig hell erscheint). Es fällt also überall indirektes Sonnenlicht hin, das mit etwas Blau vom Himmel gemischt ist.

Beispielbilder

Ein wirklich kalter Wintermorgen, ca. 15 min. vor Sonnenaufgang, die beiden Aufnahmen liegen nur wenige Minuten auseinander (Anklicken für eine größere Ansicht). Sie zeigen recht gut, wie rasch sich das Licht wie oben beschrieben verändert. Die Sättigung der Farben ist nachträglich leicht erhöht, die Farbtöne sind wie von der Kameraautomatik (Nikon D200) ohne nachträgliche Manipulation.

Licht bei SonnenaufgangDas linke Bild ist ca. zwanzig Minuten nach Sonnenaufgang entstanden; die Sonne war gerade weit genug über dem Horizont, um die Bäume anzuleuchten und rötlich erscheinen zu lassen, während die verschneite Wiese im Vordergrund im Schatten und damit bläulich blieb. Es steht hier, da es die unterschiedlichen Farben des natürlichen Lichtes besonders deutlich und direkt nebeneinander zeigt. Auch hier: keine nachträgliche Manipulation der Farbtöne, kein Photoshop, nur eine etwas erhöhte Farbsättigung!

Licht in der 'blauen Stunde'Und das nächste Foto ist ein Bild der „blauen Stunde“, um zu zeigen, welche intensiven Farben sich dort erzielen lassen. Der Grande Arche in Paris ist bereits angestrahlt und der Himmel gerade noch hell genug, um tiefblau zu leuchten. Wenige Minuten früher ist das Blau im Himmel noch blasser, wenige Minuten später geht es in ein trübes, fast schwarzes Dunkelblau über und diese Farben sind vorbei.

Zusammenfassung

Das natürliche Licht hat verschiedene Farben je nach Tageszeit und Witterung. Die Unterschiede sind stärker, als wir sie mit dem Auge wahrnehmen, da das menschliche Gehirn die Farbwahrnehmung manipuliert. Für natürlich wirkende Fotos muss eine Digitalkamera über den Weißabgleich eine möglichst ähnliche Farbkorrektur wahrnehmen. Alternativ kann sie eine bestimmte Farbwirkung übertreiben, was viel Spielraum für kreative Fotografie ergibt.

Für die Standardsituationen von natürlichem Licht gilt:

  • Sonnenschein tagsüber ist das „Standardlicht“ der Fotografie und wird Ihnen praktisch immer natürliche Farben liefern.
    (Dass direktes Sonnenlicht aber auch starke Schatten produziert und damit höhere Kontraste, als eine Kamera sie wiedergeben kann, ist ein anderes Thema …)
  • Motive im Schatten haben in der Regel deutlich kühlere (bläulichere) Farben.
  • Bei bedecktem Himmel hat das Licht etwas kühlere Farben als in der direkten Sonne.
  • Frühmorgens und spätnachmittags ist das direkte Sonnenlicht bereits wärmer (rötlicher) und bei Sonnenauf- und -untergang bekanntermaßen noch wärmer. Auf Fotos erscheint dieser Effekt stärker als das menschliche Auge ihn wahrnimmt.
  • Kurz vor Sonnenauf- und nach Sonnenuntergang (und bei guter Witterung) gibt es eine kurze Zeit besonders intensiver blauer Farben („„blaue Stunde““).